Von Hunden und Bären

Februar 25th, 2009

Beitrag von Dr. Martin Stötzel 

 

 

Der selige André Kostolany prägte einmal das Bild vom Hund, der auf der Länge seiner Hundeleine um sein Herrchen herumrennt. Mal ist er ihm weit voraus, mal schleppt er sich hängenden Kopfes hinter ihm her. Damit wollte er einen Vergleich zwischen der Börse und der heute so oft zitierten „Realwirtschaft“ ziehen. Bleiben wir in diesem Bild, dann fällt es nicht schwer sich darauf zu verständigen, dass die Börse ab Mitte 2007 mit der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr im Einklang stand. Während die großen Volkswirtschaften samt und sonders in die schärfste Rezession seit Jahrzehnten eintraten, tänzelte die Börse noch monatelang auf Höchstständen: Sie erinnern sich vielleicht, dass der DAX die 8000 Punkte Marke noch im Dezember 2007 erreichte. Die danach folgende Entwicklung ist bekannt, so dass ich es kurz machen kann. Der Hund von Kostolany – dies ist mein Eindruck – geht inzwischen brav bei Fuß; soll heißen, dass die aktuellen Kurse so in etwa die bekannte Wirtschaftsentwicklung und die bekannten Chancen und Risiken reflektieren. Das soll jetzt nicht heißen, dass die Aktienmärkte nicht weiter fallen können. Aber wohl, dass nahezu alle spekulativen Elemente aus den Preisen verschwunden sind. Wenn die Aktienmärkte weiter Richtung Süden gehen, dann weil neue schlechte Nachrichten das fragile Bewertungsgefüge zum Einsturz bringen. Davon gibt es reichlich und die möglichen Konsequenzen sind einigermaßen Furcht erregend. Andererseits ist nun auch die Stimmung ungefähr so schlecht, wie die Lage. Mehr noch. Heute ernten die Käufer von Aktien nur noch Hohn und Spott und werden als Spekulanten und übrig gebliebene Kapitalisten beschimpft. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren diese Kategorien noch für die Spekulanten auf der Verkaufsseite reserviert, die mit Leerverkäufen in der Krise noch ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollten. So ändern sich die Zeiten und damit sind wir bei den Bären. Diese Tiergattung steht – wie jeder hartgesottene Börsianer weiß – für fallende Kurse an den Börsen. Und davon gab es in den vergangenen Wochen nun wahrlich reichlich. Wenig überraschend ist denn auch das Lager der Bären stetig gewachsen, so dass heute weit mehr Investoren auf fallende Kurse setzen, als dies noch zu Jahresbeginn der Fall war. Nun ist die Börse ja bekanntermaßen auch eine hoch psychologische Angelegenheit. Die überwiegende Mehrheit der Anleger fühlt sich in der Masse besonders wohl. Soll heißen: sie kaufen, wenn die Stimmung besonders gut ist und verkaufen, wenn die Marktteilnehmer von Panik befallen werden. Das ist nicht besonders erfolgreich aber zutiefst menschlich. Warum? Weil niemand die Zukunft voraussehen kann! Und wenn der Anleger mit seiner Entscheidung falsch liegt, dann ist es ihm sympathischer mit der Masse falsch zu liegen, als alleine. Achten Sie also in nächster Zeit besonders auf die veröffentlichte Meinung und trauen Sie sich auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Mit Vorsicht und mit Rettungsring, wenn es angebracht ist. Der japanische Nikkei 225 Index schloss in dieser Woche auf einem 26 Jahres Tief und die Experten erwarten weitere Kursverluste. Ist das eine gute oder schlechte Meldung für all diejenigen, die noch keine japanischen Aktien im Bestand haben? Entscheiden Sie selbst.

Ein Blick zurück

November 19th, 2008

Beitrag von Dr. Martin Stötzel

Will man in die Zukunft schauen, hilft oftmals ein Blick zurück. Schließlich stellt sich nach den letzten Kurseinbrüchen an den Weltbörsen nicht zum ersten Mal die Frage, ob das Schlimmste überstanden ist und ob wir die Tiefststände bereits gesehen haben. Vergleicht man die bisher gesehenen Bären-Märkte und in einem solchen befinden wir uns ja seit geraumer Zeit mit dem aktuellen Geschehen, dann fällt zweierlei auf. Erstens, der bisher aufgelaufene Verlust im amerikanischen Aktienmarkt von gut 40 Prozent entspricht durchaus dem Durchschnitt der letzten acht großen Bären-Märkte seit 1900. Die einzige Ausnahme stellt der Zeitraum 1929 bis 1932 dar, in dem der Dow Jones Index vom Hochpunkt im September 1929 bis zum Tiefpunkt im Juli 1932 stolze 89 Prozent verlor. Und zweitens, die damals ausgestellten Rezepte zur Linderung und die angewandten Medikamente klingen auch heute noch vertraut. Liquiditätsspritzen, Stabilisierungspläne und Marktschließungen sowie der massive Einsatz der Geldpolitik waren auch in früheren Krisen bereits eingesetzt worden. Und auch große öffentliche Arbeitsprogramme und ein drastischer Anstieg der Regulierung, wie bereits 1932 in Roosevelts „New Deal“ vorgestellt, klingen heute nicht unmodern. Doch ansonsten sind die zahlreichen Vergleiche mit der Depression der 30 Jahre und dem lang anhaltenden Abwärtstrend an den Weltbörsen damals eher medienwirksam als begründet.
Schon vor dem spektakulären Kurssturz an der Wall Street war die Weltwirtschaft in einen labilen Zustand gewankt. Unternehmensgewinne wie Investitionen schrumpften, die Volkseinkommen sanken, die Arbeitslosigkeit erreichte dramatische Höhen. Und anders als vor 75 Jahren, als die Notenbanken auf die Bankenzusammenbrüche und die konjunkturelle Talfahrt kaum reagierten und in der Folge eine kolossale monetäre Kontraktion zuließen, ist heute eher das Gegenteil der Fall. Die Notenbanken und die Regierungen rund um den Globus setzten alles daran eine deflationäre Entwicklung zu verhindern. An dieser politischen Ausrichtung hat eine weitere historische Erfahrung großen Anteil: Der Zusammenbruch Japans Anfang der neunziger Jahre und die bis heute anhaltenden wirtschaftlichen Probleme. Der japanische Börsenindex Nikkei 225 verlor damals über 40 Prozent in einem Jahr, nachdem das Land der aufgehenden Sonne jahrelang mit sinkenden Zinsen und hohen staatlichen Investitionsausgaben die Wirtschaft angekurbelt hatte. Auch der japanische Immobilienmarkt wies Ende der achtziger Jahre euphorische Tendenzen auf. Erst massive Steuererhöhungen und Zinserhöhungen der Bank of Japan bereiteten dem Boom ein Ende. Die Seifenblase zerplatzte – allerdings nicht auf einmal sondern langsam und in kleinen Schritten. Kurz nach dem Ende der Hausse kamen erste Gerüchte über Probleme im Finanzsektor an die Öffentlichkeit. Umfangreiche Kreditvergaben ohne Sicherheitenprüfungen wurden aufgedeckt. Banken sperrten die Kreditvergabe und verweigerten den Firmen damit dringend benötigte finanzielle Mittel. Immer mehr Firmen mussten dadurch Insolvenz anmelden und verursachten damit einen erneuten Kreditausfall bei den Banken. Die fallende Börse schlug auch auf den Immobilienmarkt durch. Japan schlitterte unaufhaltsam in eine Rezession und verfiel in eine mehrjährige wirtschaftliche Starre aus der es sich bis heute nicht vollständig erholt hat. Das führt zu einer bangen Frage für die heutige Krise. Der Staat kann und muss helfen, ein vermurkstes Finanzsystem wiederzubeleben. Doch unbeantwortet bleibt, was er hinterher mit den Schulden in Billionenhöhe machen soll. Die Vereinigten Staaten als dynamische und wachsende Gesellschaft haben aber deutlich bessere Chancen, mit der Überschuldung fertig zu werden, zumal die Verschuldung immer noch deutlich niedriger ist, als die japanische. Doch es wird lange dauern, länger, als sich die meisten heute vorstellen können.

Showdown in Washington

November 12th, 2008

Gastbeitrag Dr. Martin Stötzel

Showdown in Washington

15. November: „Weltfinanzgipfel“ – Dieser Termin steht nicht nur in der Agenda der 20 + 1 Regierungschefs, Finanzministern und Zentralbank-Präsidenten, die am Wochenende in Washington eine neue Weltfinanzordnung auf die Beine stellen wollen. Selbstverständlich blicken auch sämtliche Börsianer mit Spannung in die US-Hauptstadt, denn die weltweiten Märkte versprühen wenige Tage vor dem schon zu „Bretton Woods II“ hochgejubelten Spitzentreffen wenig Optimismus. Auch die meisten der führenden Ökonomen vermeiden einen historischen Vergleich mit der legendären Konferenz, auf der die Finanzarchitektur für die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg errichtet wurde. Dennoch ist „Bretton Woods“ auch 64 Jahre später präsent, stehen doch die damals geschaffenen Institutionen, Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank heute mehr denn je im Mittelpunkt der Diskussion. Mehr Macht für den IWF und mehr Mittel für die Weltbank lautet die Kurzformel der europäischen Seite. Ob der IWF dabei zur „Weltfinanzpolizei“ ausgebaut wird, wie es dem französischen Präsidenten vorschwebt, bleibt wegen der Vorbehalte der US-Seite fraglich. Doch die Amerikaner haben diesmal – im Gegensatz zu 1944 – eindeutig die schlechteren Karten. Nicht nur, dass sie als Ausgangspunkt der weltweiten Finanzkrise gelten, auch das bisherige Krisenmanagement konnte nicht überzeugen. Da können die Europäer durchaus mit breiter Brust in Washington auflaufen. Als die US-Regierung Mitte September Lehman Brothers pleitegehen ließ und der Sturz der Investmentbank europäische Geldhäuser ins Wanken brachte, dämmten die EU-Regierungen die Panik in kürzester Frist mit einem abgestimmten Paket aus Kapitalspritzen und Kreditgarantien im Volumen von fast 2000 Milliarden Euro wirkungsvoll ein. Das Konzept des alten Kontinents war so überzeugend, dass es US-Finanzminister Henry Paulson kurzerhand in Teilen als Blaupause für einen überarbeiteten eigenen Rettungsplan übernahm. Einen Rettungsplan, der bislang jedenfalls noch keine nennenswerten Ergebnisse geliefert hat. Und auch die regulatorischen Vorgaben der Europäer für die neue Finanzarchitektur könnten jenseits des Atlantiks nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen: Ein neuer Verhaltenskodex für die Finanzbranche, der verhindern soll, dass die kurzfristige Renditemaximierung unter Vernachlässigung der Risiken mit üppigen Bonuszahlungen honoriert wird. Beaufsichtigung sämtlicher Anlagen, inklusive Hedge-Fonds und bisher ungeregelten Steuer-Oasen. Gegen die Übertragung nationaler Kompetenzen steht Widerstand zu erwarten, nicht nur vom scheidenden US Präsidenten, sondern auch von der gerade gewählten US-Administration. Doch für langfristige und weit reichende Regulierungsentwürfe dürften die meisten Experten, Börsianer und Investoren weltweit keine besondere Begeisterung aufbringen. Der Auftrag an den Gipfel ist deutlich pragmatischer: Konkrete und effiziente Stützungsaktionen für die Weltwirtschaft, die die Abwärtsspirale der wichtigsten Volkswirtschaften bremst und den Unternehmen wieder einen Hauch von Optimismus einflößt. Sollte diese Erwartung nicht erfüllt werden, dann könnte auf den „Weltfinanzgipfel“ bereits am folgenden Börsentag ein Weltfinanzdesaster folgen.

Nie mehr DAX

November 5th, 2008

 von Dr. Martin Stötzel 

Es hätte das Jahr des Deutschen Aktienindex werden sollen. Schließlich feierte der DAX am 1. Juli sein 20 jähriges Jubiläum. Und abseits der Kursentwicklung der Aktienmärkte, die in diesem Jahr eben auch beim DAX abwärts zeigte, war der DAX an den internationalen Aktienmärkten nach 20 Jahren nicht mehr wegzudenken. Am 1. Juli 1988 ging der Deutsche Aktienindex mit einem Stand von 1163 Punkten an den Start. Experten zählten das deutsche Börsenbarometer zu den weltweit attraktivsten Indizes, denn das Gros der Investoren kam bislang dabei keineswegs aus Deutschland. Warum dies alles in der Vergangenheitsform geschrieben wird? Weil die vergangene Börsenwoche als das größte Desaster der Deutschen Börse in die Geschichte eingehen wird. Und daran ist die Deutsche Börse als Erfinder und Lizenzgeber des DAX in höchstem Maße selbst Schuld. Wetten, dass Wendelin Wiedeking heimliche Schadenfreude empfand, als in der zurückliegenden Woche der Dax zum VW-Index wurde? Hatte der Porsche-Vorstandschef doch die Frankfurter Gralshüter des Kapitalmarkts mit ihren eigenen Waffen geschlagen und zugleich der erstaunten Weltöffentlichkeit ge­zeigt, wo die ausgebufftesten Zocker sitzen: nämlich in Zuffenhausen. Zur Vorgeschichte: Tief saß die Schmach, als Porsche im September 2001 auf Beschluss der Deutschen Börse aus dem MDax ausgeschlossen wurde. Grund war, dass Porsche wei­terhin Quartalsberichte verweigerte. Damit war Porsche auch der Auf­stieg in den Dax 30 versperrt, den der Sportwagenhersteller aufgrund der Marktkapitalisierung und der Börsenumsätze sonst im Sommer geschafft hätte. Schon damals argumentierte Wiedeking, dass es nicht Aufgabe eines Börsenbetreibers sein könnte den Unternehmen einen kurzfristigen Berichtsrhythmus aufzuzwingen und vermutete, dass es Ziel der Börse sei, durch die Quar­talsberichte Kauf- und Verkaufsan­reize zu produzieren und damit Bör­senumsätze und Volatilität zu erzeu­gen. Die Börse missbrauche deshalb den Dax als deutschen Leitindex und Abbild der großen börsennotierten Unternehmen für ihre geschäftspoli­tischen Zwecke. Wiedekings Argu­ment, dass man an einem langfristi­gen Investment der Aktionäre inte­ressiert sei und nicht am ständigen Auf und Ab der Kurse, sprach schon damals vielen Emittenten, auch aus der Dax-Liga, aus dem Herzen. Und in der vergangenen Woche kam die späte Rache. Der Finanzplatz Frankfurt und an vorderster Stelle die Deutsche Börse AG haben sich durch die Kurskapriolen der VW-Aktie bis auf die Kno­chen blamiert. Nach den hohen Kursausschlägen in der VW-Stamm­aktie in den vergangenen Wochen hätte allen Beteiligten nach der VW-Aktienbesitzmeldung von Porsche klar sein müssen, dass nun die Rallye in VW-Stämmen erst so richtig los­geht. Und dass dann durch Leerverkäufe, über deren Ausmaß am Markt ja Zahlen kursierten, und durch am Dax orientierte Fonds eine sich be­schleunigende Kettenreaktion in Gang kommen würde, an deren Ende der VW-Kurs gegen unendlich und die Kurse der anderen 29 Dax -Werte gegen Null streben müssten. Doch die Börse zeigte die Reakti­onsgeschwindigkeit eines Dinosau­riers. Erst nach zwei langen Handels­tagen mit massiven Protesten großer institutioneller Marktteilnehmer und einem bis auf 1005 Euro hoch­schießenden VW-Kurs bei paralle­lem Blutbad unter den anderen Dax-Titeln bequemte man sich, die Indexgewichtung im Dax außerplanmäßig anzupassen und die Kappungsgrenze für VW-Aktien auf 10% zum Montag, 3. November, vorzuziehen. Was für ein Armutszeugnis für den Börsenbetreiber, der sich so gerne rühmt, Börsentransaktionen um wei­tere Sekundenbruchteile zu be­schleunigen, hier aber Tage brauchte, um auf eine für professio­nelle Marktbeobachter absehbare Entwicklung zu reagieren! Das Aushängeschild der Deutschen Börse, der Dax 30 hat einen schweren Imageschaden erlitt. Und es sollte niemanden bei der Deutschen Börse wundern, wenn die ausländischen Investoren um den DAX in Zukunft einen großen Bogen machen. 

Halb voll oder halb leer?

Oktober 21st, 2008

Gastbeitrag Dr. Martin StötzelNachdem sich der DAX nun nach halsbrecherischer Abfahrt ungefähr in der Mitte zwischen den zwei Hoch- und Tiefpunkten der letzten zehn Jahre befindet, muss die Frage wohl gestellt werden. Geht es im jetzigen Tempo weiter abwärts und vollendet sich der Zyklus mit erneuten DAX Kursen unter 2500 oder liegt im Gegenteil schon das Schlimmste hinter uns, auch wenn es zurzeit keiner so richtig glauben will? Wie so oft, hilft auch hier ein Blick zurück. Erinnern Sie sich? An die Zeit, als die Talsohle in Deutschland bereits durchschritten war und es allmählich, wenn auch holprig, wieder aufwärts ging? Als die Aufträge aus dem Ausland wieder an Fahrt gewannen, die Firmen neben Umsatzsteigerungen auch imposante Margenausweitungen dank Restrukturierungen und, wie man heute feststellt, auch übertriebener Lohnzurückhaltung ausweisen konnten? Als der DAX trotz Aussicht auf steigende Gewinne dennoch mit einem Kurs-Gewinn Verhältnis von unter 15 notierte und der Volatilitätsindex bei einem Viertel des heutigen Niveaus stand? Und auch der Ölpreis stand, trotz einer Preisverdopplung in den vergangenen zwölf Monaten erst bei 50 US-Dollar. So etwa sah das Bild Mitte 2005 aus. Damals stand der DAX bei rund 4800 Punkten. Und heute? Heute steht das globale Finanzsystem auf der Kippe, werden Banken verstaatlicht, ist Hedge – Fonds und Finanzinvestoren ihr Pulver ausgegangen, hat die Welt mit einer der schlimmsten Kreditklemmen der Geschichte zu kämpfen. Heute schlittern die USA und Europa in eine Rezession, werden die Amerikaner bei einer Sparquote von nahe null Prozent und existenziellen Sorgen über ihre Gesundheits- und Altersvorsorge wohl so schnell nicht in ihre alten, absurden, aber die Weltwirtschaft auf Trab haltenden Konsumgewohnheiten zurückfallen. Heute geht auch den Schwellenländern – für einige überraschend – die Puste schnell aus. Im OECD-Raum sind die Lebenshaltungskosten seit 2005 um rund zehn Prozent gestiegen, während die Löhne bloß um neun Prozent zugelegt haben; in den USA sinken die realen Wochenlöhne derzeit um 2,5 Prozent zum Vorjahr. Und der DAX steht ebenfalls bei 4800 Punkten. Wann hätten Sie ihn lieber gehabt? Fazit: Wenn Aktienmärkte irgendetwas mit volkswirtschaftlicher Entwicklung und Wohlstand zu tun haben, dann steht den Märkten noch eine harte Zeit bevor. Und die Anzeichen mehren sich, dass die Schätzungen der Analysten für die Gewinne der im DAX notierten Unternehmen trotz aller bereits erfolgten Revisionen noch immer viel zu hoch sind. Andererseits unternehmen alle wichtigen Länder zurzeit auch rekordverdächtige Anstrengungen, um die Konjunkturen der wichtigen Nationen nicht abstürzen zu lassen. Ob diese Anstrengungen für die Unternehmen noch rechtzeitig kommen und wie der erlittenen Vertrauensverlust mittelfristig auf die Aktienbewertungen durchschlägt, ist jedoch heute völlig ungewiss. Wenigstens haben die Analystenabteilungen der Banken erst kürzlich ihre Prognosen für den DAX Stand am Jahresende gestrichen. Die niedrigste Erwartung lag aber immer noch bei einem Wert von 5800 Punkten und damit rund 20 Prozent über dem aktuellen Stand. Und neue Prognosen, die ein weiteres Abrutschen der Aktienmärkte thematisieren, sind bisher noch nicht gesichtet worden. Es scheint – um im Bild zu bleiben – dass im Glas noch eine gehörige Schicht Schaum – sprich Optimismus – schwimmt. Und es bleibt zu befürchten, dass diese Schicht erst weg muss, bevor am Aktienmarkt wieder zum Einstieg geblasen werden kann.

Dax auf 5 400 Punkte – nur eine Frage der Zeit

Juli 22nd, 2008

Gastbeitrag Handelsblatt 22.07.08 von Christian Kratz

Die Bullen sind zurück auf dem Parkett – vier freundliche Börsentage in Folge und die Gesichter der Börsianer hellen sich wieder auf! Wo gestern noch Sorgenfalten dominierten entdecken wir nun fröhlich Mienen. Das war sie also, die Kreditkrise! Bis an die psychologisch wichtige aber charttechnisch unerhebliche Marke von 6 000-Dax-Punkten hatte die Krise das wichtigste deutsche Aktienbarometer gedrückt. Aber von dort prallte der Index zweimal nach oben ab wie ein Flummi an der Wand. Und dies aus gutem Grund: Die aktuellen Quartalszahlen einer Reihe von US-Banken waren nicht so schrecklich wie erwartet! Zwar präsentierten die Citigroup, JPMorgan und die Bank of America durchweg schauderhafte Zahlen für das abgelaufene Quartal, aber der Markt hatte noch deutlich Schlimmeres erwartet und quittierte die Quartalsergebnisse mit einem Kursfeuerwerk. Also hatten Sie doch alle Recht, die Fondsmanager und Bankenprofis, die schon seit Anfang Mai nicht müde werden, das Ende der Kredit- und Bankenkrise auszurufen. Und wenn man sich die Kursziele vieler renommierter Investmenthäuser für den Dax bis Jahresende 2008 so anschaut, kann die Devise ja eigentlich nur lauten: jetzt Aktien kaufen, billiger wird´s nicht mehr…..Wenn da mal nicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist! Der CEO der Citigroup erklärte bei der Vorlage der jüngsten Quartalszahlen, dass der Immobilienmarkt in den USA und Großbritannien bis Ende 2009 weiter fallen wird. „Wir sind noch nicht aus dem Gröbsten heraus und die Erholung die wir in der vergangenen Woche gesehen haben, war nur eine Art Erleichterungsrally“, sagte Jay Bryson, Chefökonom bei Wachovia Securities. Immobilienmarkkollaps, Bankenkrise, Kreditklemme, haussierende Rohstoffpreise und ein implodierender US-Dollar – am Markt hat sich ein Cocktail zusammengemixt, der für die Aktienmärkte weltweit nur sehr schwer verdaulich sein wird. Und die Notenbanker diesseits und jenseits des Atlantiks wirken zunehmend hilfloser in Anbetracht der Problematik. Während die US-Notenbank versucht, das Problem mit massiven Zinssenkungen zu lösen, stellt die EZB die Inflationsproblematik in den Vordergrund und erhöht ihrerseits die Leitzinsen in Europa. Dass die US-Notenbank ihr Ziel nicht erreicht, verdeutlicht die Tatsache, dass die meisten US-Konsumenten und Unternehmer aktuell einen höheren Zinssatz für ihre Kredite zahlen müssen als vor den Zinssenkungen der FED. By the way – die FED hat die Zinsen bereits um 325 Basispunkte (=3,25%) gesenkt…..Mittlerweile gibt es Marktbeobachter, die die aktuelle Situation in den USA mit der Japans in den frühen 90er-Jahren vergleicht. Auch dort führten exzessive Marktbewertungen bei Immobilien und Aktien zu einer Deflation und einer Depression am japanischen Aktienmarkt. Der Nikkei stand vor dem Beginn der Krise in Japan bei 39 000 Punkten, aktuell notiert er bei 13 000 Zählern. Die japanische Notenbank hat den Zins übrigens fast bis zur Nulllinie gesenkt. Die Probleme hat sie damit allerdings nicht gelöst. Mag sein, dass sich die aktuelle Aufwärtsbewegung am Aktienmarkt noch ein wenig fortsetzt und den Dax bis auf 6 600 Punkte bringt. Nach unserer Auffassung ist dies jedoch nur eine kurzfristige Rallye im Bärenmarkt. Die nächste Abwärtsbewegung wird den Dax wieder Richtung 6 000 bringen und wir haben große Zweifel, dass diese Marke auch im dritten Anlauf standhält. Kurse von 5 400 im Dax und 1 100 im S&P500 in den nächsten Wochen und Monaten würden uns nicht überraschen. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit……… Christian Kratz ist Gründer und Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Rhein Asset Management.